Kinder entscheiden lassen?

Kinder entscheiden lassen?
Ursula Ott ist Chefredakteurin des Magazins chrismon. Sie hat sich der Frage angenommen, ob man Kinder taufen lassen sollte, oder ob man sie nicht lieber später selbst entscheiden lassen sollte. Ihre Ansicht ist eindeutig... Viel Vergnügen beim Lesen!
26.06.2025

Ein Vater antwortete neulich auf meine Frage, ob seine Kinder getauft sind, das müssten die später selber entscheiden. Er meinte also: Nein. Aber das "Nein" sagte er nicht, er druckste mehr so herum.

Ich werde bei chrismon nicht für die Mitgliederwerbung bezahlt, ehrlich. Aber ich finde diesen Satz seltsam. Ich habe mal überlegt, was wir Eltern für unsere Kinder schon alles entschieden haben – aus dem schlichten Grund, dass wir schon ein bisschen länger auf diesem Planeten sind. Manches entscheiden einfach die Großen. Wir haben ihnen mäßig originelle Vornamen ge­geben, sie gegen Tetanus und Polio impfen ­lassen, sie in einen katholischen Kindergarten gebracht, später in eine linksalternative Bau­wagensiedlung und ein Gymnasium mit Musikzweig und Antirassismus-AG. Wir haben ihnen die Haare kurz geschnitten. Wir haben beschlossen, mitten in der Großstadt zu wohnen, nicht auf dem gesunden Land. Alles Entscheidungen, bei denen sie wenig bis gar nicht mitreden konnten, wie bei der Taufe. All das hat sie zweifellos geprägt.

Keiner ist ein besonders engagierter Protestant ge­worden. Einer arbeitet derzeit in einer Schule in Afrika, wo es – ohne mütterliches Zutun – bei der Bewerbung zumindest hilfreich war, dass er getauft ist - Sur­prise! die meisten Hilfsprojekte haben nämlich kirchliche Träger. Der andere verkündete in der Pubertät, dass er die Existenz Gottes für einen großen Mythos halte und die Kirche für ihn als Tierschützer und Vegetarier ohnehin viel zu lasch sei. Das trug ihm an der Schule gegen Rassismus eine Eins in Religion ein, was Spott in der Familie auslöste, aber auch sehr protestantisch war. Der Zweifel gehört zum Glauben – aber wie soll man an ­etwas zweifeln, das man gar nicht kennt?

Deshalb bin ich relativ sicher, dass sie mir später mal die langweiligen Vornamen vorwerfen werden oder die peinliche Frisur auf den Kinderfotos. Über die Taufe werden sie sich nicht beschweren, und aus der Kirche können sie austreten. Aber sie wissen dann, woraus.

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon, davor war sie Kolumnistin bei der Brigitte, der Woche und der Emma. Sie lebt in einer Patchworkfamilie und hat ein Dutzend Bücher geschrieben, meist über Liebe, Familie und Kinder.